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08.08.2012 14:18

Umstrittene Heilversuche

Chirurgen "infizierten" Glioblastom postoperativ mit Bakterien

Nicht genehmigte Heilversuche an drei Patienten mit Glioblastom haben an der Universität von Kalifornien in Davis zur Suspendierung von zwei Ärzten geführt. Der Leiter der Neurochirurgie und ein Assistenzarzt hatten die Operationswunden der drei Patienten absichtlich mit dem Bakterium Enterobacter aerogenes infiziert, um durch die Infektion der Wunde eine starke Entzündungsreaktion auszulösen. Das dadurch aktivierte Immunsystem sollte sich gegen den Tumor richten und somit die Behandlung effektiver machen. Die Therapie scheiterte jedoch: Zwei Patienten starben an einer Sepsis, der dritte erlag seinem Tumorleiden.

 

Völlig aus der Luft gegriffen war der Heilversuch der beiden Ärzte nicht. Ein Team um den renommierten Krebsforscher Bert Vogelstein vom Howard Hughes Medical Institute in Baltimore hatte bereits 2004 im Tierversuch gezeigt, dass die Injektion des Bakteriums Clostridium novyi-NT eine starke Immunantwort gegen den Tumor auslöst. Forscher der Columbia University in New York berichteten, dass Patienten, die nach ihrer Glioblastomresektion an einer Infektion erkrankten, tendenziell länger überleben. Dieser Unterschied war bei der relativ kleinen Gruppe von 18 Patienten jedoch nicht signifikant. (Neurosurgery 2009; 64: 828-34) Eine italienische Arbeitsgruppe beobachtete in einer retrospektiven Studie mit 197 Patienten sogar eine Verdoppelung der Überlebenszeit von 16 auf 30 Monate, jedoch wurden nur 10 Patienten in die Gruppe der von einer Infektion Betroffenen eingeschlossen. (Neurosurgery 2011; 69: 864-8)

 

Aus diesen Daten mögen die beiden suspendierten Ärzte die Berechtigung abgeleitet haben, ihre Therapie auch ohne vorbereitende Tierversuche und jegliche Kontrollmechanismen zu testen. Die Freiheit von Chirurgen, neue Operationstechniken im Gegensatz zu innovativen Medikamenten nicht von einer Kontrollbehörde zulassen zu müssen, mag ebenso zu dem Trugschluss geführt haben, ohne Genehmigung drauf los experimentieren zu können. Dass der Einsatz von Bakterien jedoch in den Zuständigkeitsbereich der Arzneimittelzulassungsbehörde fällt, wurde nicht bedacht.

 

Neben den ethischen und juristischen Aspekten zeichnen sich die Heilversuche insbesondere auch durch ihre wissenschaftliche Naivität aus. Das Risiko einer Sepsis war ebenso absehbar wie vermeidbar. Die Immuntherapie von Krebserkrankungen ist ein ernsthafter wissenschaftlicher Ansatz der Forschung. Die meisten Teams arbeiten jedoch nicht mit lebenden, sondern mit abgestorbenen Erregern oder versuchen mit Impfstoffen aus modifizierten körpereigenen Zellen die Aufmerksamkeit des Immunsystems auf den Tumor zu lenken. Auch wenn diese therapeutische Option für viele Krebserkrankungen noch nicht zugelassen ist, so wird ihre Sicherheit zum Wohle der Patienten in klinischen Studien geprüft.

  

© 08.08.2012 mth, Deutsche Hirntumorhilfe e.V. | www.hirntumorhilfe.de 

 

 

Quelle:
M. Baker, Nature, 27 July 2012. doi:10.1038/nature.2012.11080

 

 
 

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