Hirntumor-Informationstag 2016

Therapie epileptischer Anfälle bei Hirntumorpatienten

Professor Hamer, Oberarzt des Epilepsiezentrums am Universitätsklinikum Erlangen, erklärte in seinem Vortrag: „Viele Menschen erleiden einen epileptischen Anfall, aber nur wenige haben wiederkehrende Anfälle, also eine Epilepsie […]. Bei einem Hirntumorpatienten, der einen ersten Anfall hatte, ist allerdings davon auszugehen, dass eine beginnende Epilepsie vorliegt.“ Es zeigt sich dem Epileptologen eine andere Tumorhäufigkeit als dem Onkologen oder Neurochirurgen: „Wir sehen öfter Tumoren, die man gar nicht entdeckt hätte, wenn sie nicht mit einer Epilepsie einhergehen würden.“ Häufig handele es sich dabei um sogenannte „Missbildungstumoren“ wie den Gangliogliomen oder Dysembryoblastischen neuroepithelialen Tumoren (DNT). Außerdem merkte er zur antikonvulsiven Therapie an: „Es gibt eine Auswahl von über 20 Antikonvulsiva, aber keinen Test, um festzustellen, welches Medikament individuell am besten wirkt.“ Bei der Therapieentscheidung müsse sowohl das Nebenwirkungsprofil als auch das Interaktionspotential mit anderen Medikamenten berücksichtigt werden.

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Aktuelle Tumorforschung und Therapie am Beispiel der Akustikusneurinome und Meningeome

Professorin Matthies, stellvertretende Direktorin der Neurochirurgischen Klinik der Universität Würzburg, wies darauf hin: „Die Patienten haben oft Symptomen, die falsch interpretiert werden: Druckgefühl auf dem Ohr, Hörminderung, Ohrgeräusche, Schwankschwindel  […] Auf diese Weise werden diese Tumoren oft über Jahre verkannt.“ Es sei aber nicht so, dass man bei einer solchen Diagnose in jedem Fall operiert. Insofern die Tumoren relativ klein sind und wenig Symptome verursachen, spiele „die konservative, also die Beobachtungseinstellung, eine große Rolle.“ Sie wies zudem darauf hin, dass auch bei den Akustikusneurinomen und Meningeomen die Therapieentscheidung in einem individuellen Prozess unter Beteiligung mehrerer Disziplinen getroffen werden sollte. Der funktionell erhaltenden Mikrochirurgie komme dabei eine bedeutende Rolle zu.

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Aktuelle klinische Studien in der Neuroonkologie

Professor Platten, Ärztlicher Direktor der Neurologischen Klinik in Mannheim legte dar: „Eine Studie ist eine Erhebung in der evidenzbasierten Medizin.“ Dabei spiele das Risiko-Nutzen-Verhältnis für den Patienten eine wesentliche Rolle. „Ziel der klinischen Studie ist die Überprüfung der Wirksamkeit als auch der Sicherheit.“ Bei freien Heilversuchen handelt es sich um Verfahren, für deren potentielle Wirksamkeit gute Gründe angegeben werden können, die aber aufgrund fehlender Evidenzen nicht dem derzeit anerkannten medizinischen Standard entsprechen. Weiterhin sprach er über Möglichkeiten der Immuntherapie, welche das Ziel verfolgt, dass das körpereigene Immunsystem den Tumor bekämpft. „Wir haben zunehmend individualisierte Konzepte, die darauf beruhen, dass jeder Tumor, auch wenn er gleich heißt, in jedem Patienten unterschiedliche Merkmale hat. Und das ist die große Herausforderung, vor der wir im Moment stehen.“

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Möglichkeiten der medikamentösen Therapie bei Hirntumoren

Professor Herrlinger ist Leiter des Schwerpunkts Klinische Neuroonkologie der Neurologischen Universitätsklinik Bonn. Ihm zufolge können auch Glioblastom-Patienten, die über 70 Jahre alt sind, bei gutem Gesundheitszustand eine kombinierte Strahlen- und Temozolomid-Therapie erhalten. Bei MGMT-methylierten Personen kann evtl. eine reine Temozolomidtherapie, bei nicht-methylierten eine reine Strahlentherapie erwogen werden. Der Einsatz von Bevacizumab in der Primärtherapie bringt keine Verbesserung der Prognose. Er wies zudem darauf hin, dass vor allem Patienten mit einem Grad II- oder Grad III-Gliom, die eine 1p/19q Ko-Deletion aufweisen, von der Kombinationstherapie aus Bestrahlung und PCV profitieren. Das heißt: „Wenn Sie einen Grad II/Grad III-Tumor haben, müssen Sie Ihren 1p/19q-Status kennen und das dürfen Sie auch einfordern. Seit Mitte des Jahres ist es verpflichtend, diesen Befund bei allen Diagnosen mit anzugeben.“ Astrozytompatienten (Grad III, ohne 1p/19q-Deletion) sollten nach derzeitigem Stand Radiotherapie plus Temozolomid erhalten.
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Möglichkeiten und Grenzen der Neurochirurgie

Professor Tonn, der Direktor der Neurochirurgischen Klinik am Campus Großhadern des Universitätsklinikums München, ging unter anderen der Frage nach, in welcher Beziehung Kontrastmittelaufnahme und Prognose stehen. „Bei Patienten mit Grad II und Grad III-Tumoren ändert die Tatsache, ob der Tumor Kontrastmittel aufnimmt oder nicht, überhaupt nichts an der Prognose. Dies wurde in der Klinik bislang nicht ausreichend zur Kenntnis genommen.“ Dasselbe trifft auch auf Tumoren zu, deren IDH-Status als Wildtyp vorliegt: „Bei den IDH-Wildtyp-Tumoren macht es keinen Unterschied, ob diese Kontrastmittel aufnehmen oder nicht. Das heißt, ein Tumor, der keine IDH-Mutation aufweist und kein Kontrastmittel aufnimmt, ist genauso gefährlich wie einer, der Kontrastmittel aufnimmt. Das haben wir in der Vergangenheit so nicht registriert, für die Operationsplanung ist es jedoch sehr wichtig.“ Demgegenüber zeige ein IDH-mutierter Tumor mit Kontrastmittelaufnahme eine deutlich schlechtere Prognose. „Das bedeutet“, so Professor Tonn, „fehlende Kontrastmittelaufnahme ist nicht per se günstig. Die Kontrastmittelaufnahme kann in Zukunft nur als Prognose-Marker herangezogen werden, wenn der IDH-Status bekannt ist.“

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Moderne Strahlentherapiekonzepte bei Hirntumoren

Professorin Combs, Direktorin der Klinik und Poliklinik für RadioOnkologie und Strahlentherapie des Klinikum rechts der Isar in München, verwies in ihrem Vortrag auf die notwendige Zusammenarbeit der verschiedenen Fachabteilungen: „Wir führen keine Strahlentherapie ohne Beteiligung der Neurochirurgie durch. Selbst wenn der Tumor nicht komplett operiert werden kann, hat die Chirurgie für uns die Aufgabe, eine Probe zu entnehmen, um uns zu sagen, ob es sich um einen Tumor handelt bzw. um welchen Tumor es sich handelt. Denn das kann nicht immer mit hundertprozentiger Sicherheit anhand der  Bildgebung festgestellt werden, insbesondere nicht bei den Gliomen.“ Ob eine postoperative Strahlentherapie der Resektionshöhle nach vollständiger Entfernung eines rezidivierten Glioblastoms die Prognose der Erkrankung positiv beeinflussen kann, ist noch unklar und soll im Rahmen der GlioCave-Studie untersucht werden.

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Möglichkeiten der integrativen und komplementären Onkologie bei Hirntumoren

Doktor Schlott, Oberarzt des Zentrums für Integrative Onkologie der Filderklinik in Filderstadt, warnte vor einer falschen Beurteilung alternativer Therapiekonzepte: „Ich würde ganz klar favorisieren, immer die etablierte konventionelle Therapie von Anfang an vollumfänglich zu nutzen. Auch vor globalen Heilversprechungen muss man warnen wie auch vor Abhängigkeitsverhältnissen oder Therapien, die vollständig ohne eine wissenschaftliche Basis daherkommen. Ebenso ist bei nicht deklarierten Substanzen, nicht transparenten Therapieformen oder sehr hohen Kosten Vorsicht geboten, die nicht von der Krankenkasse übernommen werden.“ Motivationen für die Anwendung komplementärer Therapien sind nach seiner Angabe unter anderen der Wunsch der Patienten, selbst etwas zur Behandlung beizutragen, die Nebenwirkungen der Chemo- oder Strahlentherapie zu reduzieren, Stress zu vermindern, die körpereigenen Abwehrkräfte zu stärken sowie alle verfügbaren Behandlungsmöglichkeiten auszuschöpfen.

Psychoonkologie – Hilfen für Betroffene

Doktor Jentschke, leitende Neuropsychoonkologin des CCC Mainfranken in Würzburg, erklärte: „Es ist wichtig, dass die Psychoonkologie darauf aufmerksam macht, inwiefern eine Erkrankung des Gehirns mit Verhaltensbeeinträchtigungen einhergehen kann. Je nachdem, welche Strukturen betroffen sind, können bestimmte Veränderungen des Verhaltens erklärt werden.“ Zudem wies Doktor Jentschke auf aktuelle Forschungsarbeiten hin: „In der BReMen-Studie untersuchen wir kognitive und affektive Veränderungen nach Resektion eines intrakraniellen Menigeoms über einen möglichst langen Zeitraum. Dabei verfolgen wir das Ziel, das vorhandene Reha-Potential der Patienten zur verbesserten Wiedereingliederung in den Alltag zu bestimmen.“ Der psychoonkologische Dienst unterstützt Betroffene bei der Verarbeitung der Erkrankung, bei der Bewältigung von Ängsten, Depressionen und Krisen sowie bei Entscheidungs- und Zielfindungsprozessen. „Unsere Aufgabe ist es, angesichts der großen Belastung die Ressourcen der Betroffenen hervorzuheben: durch Stärkung des Selbstbewusstseins, Vermittlung von Entspannungsverfahren als auch Unterstützung bei Problemen in der Partnerschaft oder im Familienleben.“

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