Psychoonkologie

Was ist psychoonkologische Unterstützung?

„Wenn der Körper krank ist, dann leidet auch die Seele.“

(Reinhold Schwarz, 1946-2008)

 

Psychoonkologische Unterstützung bedeutet, der Seele von Tumorpatienten und Angehörigen Aufmerksamkeit zu widmen – ohne dabei den Körper und das soziale Umfeld einer Person aus den Augen zu verlieren.

 

Ziel der psychoonkologischen Unterstützung soll das Schaffen eines ganzheitlichen, individuellen Gleichgewichts sein. Dabei ist hervorzuheben, dass eine Tumorerkrankung nicht nur den Patienten berührt. Auch die vor allem in seinem unmittelbaren Umfeld befindlichen Personen – Partner, Kinder, Geschwister, Eltern, also seine Angehörigen – sind involviert.

 

Sicherlich beschäftigen sich die einzelnen Personen dabei mit unterschiedlichen Fragen, aber jeder wird durch die Diagnose in ein Chaos gestürzt. Die Welt steht plötzlich Kopf und es ist Teil der Verarbeitung, den Boden wieder zu finden und ihn sich unter die Füße zu schieben. Die Psychoonkologie bietet für alle Betroffenen, ob Patient oder Angehöriger, Unterstützung an.

 

In der Regel basieren die psychoonkologischen Interventionen auf dem Grundgedanken, dass es wichtig ist, Verluste wahrzunehmen, ihnen Raum zu geben und damit leben zu lernen, jedoch gleichzeitig das Erhaltene, Unveränderte, das noch immer Machbare nicht aus den Augen zu verlieren.

 

Das heißt, das übergeordnete Ziel besteht darin, die durch Krankheit und Behandlung entstehende Belastung lindern zu helfen, die Betroffenen in der Auseinandersetzung mit der Krankheit und deren Folgen zu unterstützen, psychischen Fehlentwicklungen vorzubeugen – einer Chronifizierung (einem dauerhaften Zustand) der Belastungen mit ihren nachteiligen seelischen und sozialen Folgen vorzubeugen – sowie gemeinsam mit den Betroffenen neue Perspektiven in der veränderten Lebenssituation zu entwickeln.

 

Es geht darum, das Leben mit oder nach der Diagnose Hirntumor erträglich zu gestalten. Dazu können weiterführende Hilfen vermittelt werden oder geholfen werden, neue oder alte, schon länger bestehende Lebensprobleme zu lösen.

 

Ein wichtiges Merkmal der Psychoonkologie ist die hohe Individualität der Behandlung, welche auch maßgeblichen Einfluss auf den Erfolg der Behandlung hat. Fast alles kann, aber nichts muss! Was der einzelne Betroffene für sein Gleichgewicht, für das Lindern seines Seelenleides braucht, das weiß zunächst nur er selbst.

 

Jeder Patient befindet sich in einer ganz individuellen Lebenssituation und damit beim Inanspruchnehmen psychoonkologischer Unterstützung an einem anderen Punkt – hat spezielle Bedürfnisse, Vorstellungen, Ziele. Daher sucht jeder Betroffene den Kontakt zur psychoonkologischen Beratungmit anderen Voraussetzungen, Sorgen und Wünschen.

 

Um eine umfassende Unterstützung des Patienten zu leisten, können verschiedene Mitarbeiter eines psychoonkologischen Teams zum Einsatz kommen, wie beispielsweise Ärzte, Seelsorger, Psychologen, Sozialarbeiter und Sozialpädagogen. Aber auch Kunst- und Musiktherapeuten, Ergo- und Physiotherapeuten, Logopäden und natürlich das Pflegepersonal können zu einem solchen psychoonkologischen Team gehören. Das hängt davon ab, in welchem Versorgungsbereich das Team arbeitet.

 

Diese Multidisziplinarität – das Zusammenarbeiten der verschiedenen Berufsgruppen – ermöglicht die Ganzheitlichkeit und die Individualität des Gleichgewichts, das geschaffen werden soll.

 

Die Art und Häufigkeit psychoonkologischer Interventionen richtet sich dabei immer nach den Bedürfnissen und Ressourcen des Unterstützung suchenden Betroffenen. Jeder Mensch verfügt über individuelle Ressourcen, d.h. Verarbeitungs- und Bewältigungsfähigkeiten, mit denen er auf Anforderungen und schwere Situationen reagiert und dies in seinem bisherigen Leben auch schon getan hat.

 

Tiefe Lebenskrisen blockieren jedoch nicht selten den Zugang zu diesen Verarbeitungsfähigkeiten, so dass es zum Überschreiten des individuellen Anpassungsvermögens kommt und häufig eine akute Belastungsreaktion hervorgerufen wird.

 

Die Gegenwart eines verlässlichen, strukturierenden Betreuers ist in diesen Situationen hilfreich zur Entdeckung und Aktivierung der individuellen Ressourcen und bietet die Gelegenheit zur Aussprache und Klärung des individuellen Krankheitskontextes sowie der bestehenden medizinischen Probleme. Als mögliche Formen der Unterstützung können hier Begleitung, Beratung und gegebenenfalls Behandlung in Anspruch genommen werden:

 

Begleitung

  • Beistehen und Dabeisein in schwierigen Situationen
  • Gespräche, in denen vorwiegend Geschehnisse des Alltags betrachtet werden
  • wesentliche Elemente sind die physische Anwesenheit, d.h. die Gegenwart der Begleiter und ggf. deren konkrete Hilfestellungen

 

Beratung

  • sachliche Informationen und Strukturierungshilfen stehen im Vordergrund
  • bspw. bzgl. sozialrechtlich garantierter Hilfen und deren Umsetzung, wie die Einleitung von Rehabilitationsmaßnahmen, aber auch bzgl. Fragen des Umgangs mit Ärzten, Pflegepersonal, Familie, Freunden und Kollegen

 

Behandlung

  • Themen sind vorrangig innere Konflikte
  • Elemente sind die gemeinsame Erarbeitung von Lösungswegen und dadurch die Aktivierung des Selbsthilfepotentials sowie das Verbalisieren von Gefühlen und Problemen im Gespräch
  • Ziele könnten sein: Fördern des Ausdrucks von Bedürfnissen und Gefühlen, Erarbeitung eines neuen Krankheits- und Lebensverständnisses

 

Wo finden Hirntumorbetroffene psychoonkologische Unterstützung?

Das psychisches Erleben und Verhalten von Hirntumorpatienten ist zu jedem Diagnose- und Behandlungszeitpunkt sehr individuell. Gute und schlechte Phasen wechseln sich oft ab und jeder Tag gilt als neue Herausforderung. Die Bewältigung der Diagnose Hirntumor bedeutet seelische Schwerstarbeit, weshalb der häufig beobachtbare Wechsel von scheinbar widersprüchlichen Stimmungen und Gefühlen angemessen und nachvollziehbar ist.

 

In jeder Phase des Krankheitsgeschehens kann psychoonkologische Unterstützung hilfreich sein, beispielsweise wenn die vorübergehend hilfreichen natürlichen Abwehrmechanismen Kommunikationsblockaden verursachen bzw. aufrechterhalten oder wenn sozialrechtliche Fragen aufkommen.

 

Psychoonkologische Unterstützung kann auf verschiedene Art und Weise bzw. in verschiedenen Versorgungssektoren erfolgen:

 

stationär

  • Akutkliniken
  • Rehabilitationskliniken
  • Palliativstationen
  • Hospize

 

ambulant

  • Psychosoziale Beratungsstellen (an Kliniken bzw. Gesundheitsämtern angesiedelt)
  • psychotherapeutische Praxen
  • ambulante Rehabilitationskliniken

 

schnittstellenübergreifend

  • regionale Patienten- bzw. Selbsthilfegruppen
  • „Brückenteams“ der integrierten Versorgung
  • ambulante Hospizdienste
  • kooperative, psychosoziale Beratungsstellen
  • Sorgentelefon der Deutschen Hirntumorhilfe 

 

Psychoonkologische Unterstützung wird Hirntumorpatienten oder ihren Angehörigen selten direkt angeboten. Viel üblicher ist noch immer, dass der Begleitungs-, Beratungs- oder Behandlungswunsch vom Betroffenen geäußert werden muss.

 

Daher sollten sich Patienten und deren Angehörige nicht scheuen, ihren behandelnden Arzt nach den verschiedenen Unterstützungsmöglichkeiten in ihrer Wohnortnähe zu fragen. Auch können Sie sich jederzeit an eine regionale Tumorberatungsstelle oder das Sorgentelefon der Deutschen Hirntumorhilfe e.V. unter 03437.999 68 67 (dienstags von 10:00 bis 16:00 Uhr) wenden.

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